Am Montagmorgen um 10 Uhr ging bei mir der Arbeitsalltag los und ich wurde im Shelter meinem Supervisor (sozusagen mein Betreuer und Vorgesetzter zugleich) vorgestellt. Der meiste Teil des Tages war eher langweilig, weil ich sehr viele Papiere mit Informationen zur Arbeit lesen musste, wo z.B. auch Erklärungen zum Waschen von Händen standen. Gleichzeitig gab es dort aber auch sehr interessante Fakten bezüglich Themen wie z.B. Obdachlosigkeit und Traumas: Laut einer Studie der Dublin Simon Community haben 95% der Wohnungslosen Menschen mindestens ein Trauma erlebt und 46% von ihnen erfüllen Kriterien dafür, an PTSD (Post Traumatic Stress Disorder; posttraumatische Belastungsstörung) zu leiden. Laut einer anderen Studie aus dem Jahre 2008 haben die meisten Wohnungslosen Menschen in ihrem Leben durchschnittlich 6 Traumas erlebt, wovon das erste im Alter von 12 Jahren aufgetreten ist. Wer in seiner Kindheit vernachlässigt und/oder misshandelt wurde, hat auch ein 700% höheres Risiko als andere, alkoholabhängig zu sein, ein 4600% höheres Risiko, illegale Drogen zu nehmen und ein 5000% höheres Risiko, Suizid zu begehen. In Angesicht dieser Tatsachen wird die Arbeit der Simon Community, Menschen in schwierigen Situationen zu helfen, natürlich nur noch wichtiger.
Im Nachhinein wurde mir noch das Haus gezeigt und ich habe viele Mitarbeiter und auch einige Residents (Bewohner) kennengelernt. Zudem wurde mir am Ende des Tages auch der Schlüssel zur Einrichtung überreicht, so dass ich mich auch wie eine richtige Angestellte fühlen konnte.
Am ersten Tag habe ich auch durch die Gespräche mit meinem Supervisor näher kennengelernt, wie die Leute in Cork sprechen: Es wird sehr viel geflucht (that’s fucking …), deadly heißt so ungefähr cool und auch that’s crack ist ein Ausdruck dafür, dass etwas cool ist.
Der Dienstagmorgen begann wie auch der Tag davor: Noch mehr Papierkram! Ich musste mich durch sehr viele Seiten quälen, die sich zum Beispiel mit den Gesetzen auf der Arbeitsstelle befassen. Das ist natürlich auch wichtig, aber ich war sehr froh, als es vorbei war. Gegen Mittag kam ich dann endlich vom Schreibtisch los und habe noch ein High-Support House (sozusagen Häuser, in denen nur wenige ehemals Obdachlose leben und noch unterstützt werden) besucht, welches nicht zu weit weg von Shelter liegt. Diese Häuser gehören auch zur Hauptarbeit der Simon Community und sorgen dafür, dass marginalisierte Menschen auch wieder die Chance haben, einen Einstieg in ein normales Leben zu bekommen, während im Shelter, in dem ich Arbeite, hauptsächlich erstmal danach geguckt wird, dass die Menschen ein Dach über dem Kopf haben, Essen bekommen und beschäftigt werden, um ihnen auch Alternativen zum Drogenkonsum zu bieten.
Danach gab es dann Mittagessen, wo ich zum Glück auch als Vegetarierin was gefunden habe. Dafür wurden dann aber auch die Irischen Vorurteile bedient: Ich hatte 4 Beilagen als mein Hauptessen, und 3 davon waren Kartoffeln: Pommes, Kartoffelbrei und Kroketten. Entgegen meiner ersten Sorgen ist aber selbst eine vegane Ernährung in Irland relativ einfach und man findet sehr viele Lebensmittel, weshalb ich mich zumindest beim Frühstück und Abendessen, welches ich meistens zusammen mit Lea koche, vegan ernähre. In Sachen Plastik haben die meisten Iren leider kein wirkliches Gefühl für Nachhaltigkeit, aber wir haben immer unsere eigenen Stoffbeutel bei Einkäufen dabei, haben uns Listen erstellt, wo wir welches Gemüse ohne Plastik bekommen können und gehen sonst meistens beim English Market einkaufen, wo es fast jedes Gemüse regional und ohne Plastik gibt. Nur Bioprodukte finde ich leider nicht so oft.
Nach dem Mittagessen stand dann endlich mein erster Programmpunkt an: Bowling mit den Residents. Zusammen mit zwei anderen Mitarbeitern haben wir dafür an den Türen geklopft und die Bewohner gefragt, ob sie Lust haben, mitzukommen. Vor der Tür haben wir dann auch noch ein Paar andere Personen gefunden, die vermutlich größtenteils keinen Platz mehr im Shelter gefunden haben (er ist jede Nacht komplett belegt), die auch mitkommen wollten. Mit mir waren wir dann 13 Personen, die Bowlen waren, und es war für mich eine tolle Art und Weise, mit den Bewohnern ins Gespräch zu kommen. Meine Leistung im Spiel war wohl noch abgrundtief schlecht, aber zum einen gehe ich davon aus, das verbessern zu können, und zum anderen war das natürlich auch nicht Sinn der Sache.
Was genau der Sinn dahinter ist kann man sich natürlich fragen, wenn ein Shelter, der nicht genügend Wohnraum hat, Geld für solche Aktivitäten ausgibt. Gleichzeitig übt das Activity Team aber eine sehr wichtige Arbeit dadurch aus, dass es den Menschen Alternativen gibt. Viele Obdachlose leben entweder auf der Straße oder umgeben von anderen in der gleichen Situation im Shelter und sehen so natürlich nicht mehr von der Welt. Alkohol- und Drogenkonsum ist auch ein Thema, welches die meisten Menschen hier betrifft, und solche Unternehmungen helfen dabei, aus dem Alltag heraus zukommen und an normalen Gesellschaftlichen Aktivitäten teilzunehmen. Ohne Alternativen, Ablenkungen und auch Positives im Leben wird der Alltag von obdachlosen Menschen nur noch depressiver, was den Kampf gegen die Obdachlosigkeit nur noch weiter erschwert. Auch für mich war es schön, zu beobachten, wie viel Spaß die Menschen beim Bowlen hatten – solche Aktivitäten können natürlich nicht automatisch Suchtprobleme beenden, doch sind wichtig, um Obdachlose auch am normalen, gesellschaftlichen Leben teilhaben zu lassen – was sonst durch gesellschaftliche Ausgrenzung leider viel zu selten passiert. Und diese Ausgrenzung hilft einem auf jeden Fall nicht, wenn man am es versucht, sich wieder in die Gesellschaft einzugliedern.
Mir haben die ersten beide Tage – abgesehen von dem leider auch wichtigen Papierkram – sehr gut gefallen und ich freue mich schon auf meine nächsten Unternehmungen und darauf, die Lads (ein vor allem in Irland verwendeter Ausdruck, der in etwa Jungen heißt, aber meistens auch geschlechterneutral genutzt wird) besser kennenzulernen.
Toller Bereicht.
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